Diskussionsthemen:

Arzt-Patient-Beziehung aus Sicht eines Patienten - Grit Gardelegen

Zu dem Stichwort: Arzt-Patienten-Beziehung habe ich folgende Definition gefunden: Unter der Patient-Arzt-Beziehung (auch: Arzt-Patient-Beziehung) versteht man die Beziehung zwischen einem Arzt und dem Patienten, der sich vom Arzt beraten oder behandeln lässt. Wegen großer Informations- und Kompetenzunterschiede ist die Beziehung asymmetrisch. Allgemein-rechtliche Bestimmungen, u.a. bezüglich des Behandlungsauftrags, den der Patient dem Arzt erteilt, sind Grundlage des Verhältnisses zwischen Patient und Arzt. Die ärztliche Schweigepflicht soll gewährleisten, dass die Beziehung in einem geschützten Raum stattfindet. Alle für die Patient-Arzt-Beziehung wichtigen Faktoren sind im Idealfall so zu gestalten, dass Patient und Arzt einander Vertrauen schenken, der Patient kompetente fachliche Beratung erhält, bestmögliche Behandlung erfährt und mit der Behandlung zufrieden ist. Das verlangt vom Arzt sowohl medizinische als auch psychosoziale Kompetenz Während Ärzte i.a. medizinisch gut ausgebildet sind, mangelt es oft an ihrer Gesprächs- und psychosozialen Kompetenz. Untersuchungen in Deutschland und Österreich haben ergeben, dass beim Arztbesuch der einleitende Bericht des Patienten schon nach durchschnittlich 15 Sekunden durch Fragen des Arztes unterbrochen wird oder dieser in 50% der Fälle gleichzeitig kleine "Nebentätigkeiten" (Karteikarte, Computer etc.) ausführt. Dadurch können wesentliche Aspekte der Anamnese (z.B. über Diäten oder Diabetes) unter den Tisch fallen oder das Vertrauen gestört werden. Bei chronischen Kranken dauert das "Gespräch" sogar durchschnittlich nur 7 Sekunden (lt. Ö1-Radiokolleg 13. März 2006).

Bei ähnlichen Untersuchungen zeigte sich, dass sich nur ein Drittel der Arztbesucher ausreichend informiert fühlt. Ferner werden nur etwa 50% der ärztlichen Informationen zu Diagnose und Therapie medizinisch richtig verstanden, wovon wiederum die Hälfte nach 30 Minuten vergessen ist. Neben dem Wunsch nach Heilung ist ein Hauptanliegen der Patienten, vom Arzt ernst genommen zu werden; wird der anfängliche "Redefluss" zu früh unterbrochen, kann nur schwer Vertrauen entstehen - mit negativen Folgen für die Befindlichkeit und den Krankheitsverlauf (1).

Dies alles kann man im Internet nachlesen und – trifft den Kern. Aber wird es auch so umgesetzt und von jedem Mediziner in sich aufgenommen? Dieses Zitat ist sehr allgemein gehalten und sagt fast gar nichts über die Brisanz solch einer eingegangen „Beziehung“ aus. Die meisten Patienten/-innen wünschen sich ein sog. „Shared Decision Making”, d.h., Arzt und Patient sehen sich als Partner, beide Teilnehmer sind Entscheidungsfinder, eine gegenseitige Bereitstellung von Informationen erfolgt und beide sind mit der Entscheidung einverstanden und helfen aktiv mit, diese umzusetzen. Hier muss man aber sicher genau wissen, inwieweit ein Patient dem folgen kann, was der Arzt mit ihm bespricht, eine Persönlichkeitsanalyse sollte dem unbedingt vorausgehen. Nicht jeder Patient will alles wissen oder versteht dies auch wirklich. Trotz allem sollte man ihn aber nicht als „unmündig“ ansehen, auch wenn er manches nicht gleich oder in dem Ausmaß versteht, wie der Arzt dies gerne möchte. Genau so wichtig ist die Vorbereitung auf das Patienten-Arzt-Gespräch: hier hat man oft das Gefühl, dass der Arzt das Problem nicht kennt, sich gerade erst in dem Moment mit dem „Fall“ beschäftigt.

Oft werden die Patienten nicht ernst genommen; so passierte es mir selbst, dass meine Krebserkrankung erst auf eigenes Betreiben erkannt wurde, nachdem ein Jahr lang immer wieder vertröstet wurde und keine Behandlung nach vorliegenden positiven Befunden stattfand. Auch die Frauen aus der Selbsthilfegruppe haben dies durchweg fast alle so erlebt. Erst nach mehreren Arztwechseln, Drängen des Patienten nach ausführlicherer Diagnose wurde die richtige Diagnose gestellt, die in unserem Fall leider lebensbedrohlich war und somit auch eine riesige psychische Belastung ausmachte. Man hatte erst einmal das Vertrauen in die Ärzteschaft verloren, weil, wie mein eigenes Beispiel zeigt, ich immer regelmäßig beim Arzt war und trotzdem diese schwere Erkrankung nicht erkannt wurde.

Aus der Presse haben wir alle erfahren, dass der Ärztestand mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen hat – Überstunden, schlechte Bezahlung, zu viel Büroarbeit anstelle Patientenmanagement etc.. Dies kann einen Patienten aber nicht trösten, über diesen Sachverhalt aufgeklärt zu sein – hier geht es ausschließlich um seine Gesundheit und die Wiederherstellung dieser. Dem Patienten kann ein gewisses Verständnis abverlangt werden, aber in gleichem Maße muss der Arzt immer das Beste für den Patient versuchen, dafür gibt es auch Richtlinien und Verordnungen.

Der Arzt geht mit den Patienten einen Behandlungsvertrag ein, welcher i.d.R. von der Krankenkasse bezahlt wird – ob privat oder gesetzlich. Diesen Vertrag muss und sollte ein Arzt erfüllen. Einem Patienten ist es unmöglich, Gebühren, die der Krankenkasse vom Arzt in Rechnung gestellt werden, stornieren zu lassen, weil die Behandlung schlecht war. Es bleibt der Beschwerdeweg über die Ärztekammer, aber auch hier mit wenig Aussicht auf Erfolg, geschweige denn Konsequenzen. Viele Patienten scheuen sich auch, diesen Weg zu beschreiten, so dass sicherlich eine hohe Rate an Behandlungsfehlern oder auch Betreuungsdefiziten im Dunkeln bleibt.

Ein großes Manko ist immer wieder, dass die Ärzte nach dem Studium oft nicht ausreichend gewappnet sind für die Patientengespräche und dies auch in der täglichen Routine nicht umsetzen können – damit einfach überfordert sind. Diese wichtige Ausbildung fehlt im Studium fast gänzlich, wird nur angeschnitten. Hier müsste ein regelmäßiges Kommunikationstraining angestrebt werden, um die Sensibilität für den Patienten zu erarbeiten, das Feeling dafür zu entwickeln und zu erhalten und auch nicht „betriebsblind“ oder gar überheblich zu wirken. Wann und durch wen wird dieses bekannte Problem endlich gelöst? Die Patientinnen meiner Selbsthilfegruppe beklagen u.a. auch
 
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die oft nicht ausreichende Information über die Erkrankung – zu „hochtrabende“ (am besten noch in Latein) Erläuterungen;

 

 

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die nicht bzw. nicht ausreichende Information über Behandlungsmodalitäten – hier insbesondere das Einholen einer Zweitmeinung, die Konsultation oder Einbeziehung von anderen kompetenten Fachärzten, die Einbringung in Studien und damit die Ausnutzung auch experimenteller Ansätze, das nicht richtige Erläutern der Vorgehensweise für die Therapie, der Nebenwirkungen etc.;

 

 

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fehlende Hinweise auf Literatur (obwohl es gerade für Krebskranke viele gute Broschüren in der Krebsgesellschaft abzufordern gibt), die Möglichkeiten einer Anschlussheilbehandlung, Schwerbehinderung, weiterführenden Behandlungen zur Symptomlinderung (Lymphdrainage etc.).

 

 

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dass von Ärzten die vorhandenen Selbsthilfegruppen oder andere Institutionen, die es erfreulicher weise für Patienten gibt, „totgeschwiegen“ werden. Es wird oft nicht erkannt, welch große Hilfe diese bei der umfassenderen Information für Patienten sein können und aus diesem Grund auch nicht darüber berichtet;

 

 

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die Unsensibilität beim Erläutern von nötigen Therapieentscheidungen, im Umgang mit dem Patient und Angehörigen.
 


Ich selbst hatte das Glück, ausreichend aufgeklärt worden zu sein, aber nicht überfordert - ich wusste genau, was auf mich zukommt, konnte mich moralisch darauf einstellen, was für mich sehr wichtig war. Mir war bewusst, dass mehrere kompetente Ärzte (vor allem ein Onkologe) in die Therapieentscheidung mit einbezogen waren und mir dadurch die nötige Kraft gegeben wurde, diese Entscheidungen mit zu tragen und selbst aktiv zu der Gesundung beizutragen. Ich wurde also ernst genommen, mit einbezogen und informiert. Dies kann man sich als Patient nur wünschen. Jetzt bin ich seit mehr als 3 Jahren in der Nachsorge – auch hier habe ich zum Glück einen kompetenten Ansprechpartner in meinem Gynäkologen gefunden, der mir auf jede Frage eine Antwort gibt, sich die Zeit dafür nimmt. Diese Fragen lege ich mir aber auch vorher zurecht, mache mir einen kleinen Notizzettel, denn man ist vor einer Untersuchung – gerade in der Krebsnachsorge – immer aufgeregt, geht mit gemischten Gefühlen zur Untersuchung. Ich bin weiterhin ein aktiver Patient, und so gehe ich aus der Behandlung mit einem ruhigeren Gewissen und der Zufriedenheit eines aufgeklärten Patienten, der sich ernst genommen und verstanden fühlt und weiß, dass man im Moment nicht mehr für ihn tun kann, als getan wird. Dieses Gefühl wünsche ich allen Patienten und hoffe, dass diese Zeilen die Ärzte anregen, sich wieder einmal etwas mehr Zeit für die ihnen anvertrauten Patienten zu nehmen oder einfach nur besser nachzufragen, zu informieren und zuzuhören.

1) http://de.wikipedia.org/wiki/Patient-Arzt-Beziehung

Wie einfühlsam ist mein Arzt:

Durch die Selbsthilfegruppe und Gespräche mit anderen Frauen aus meinem Bekannten-/ Kollegenkreis habe ich die verschiedensten Meinungen eingeholt, wie bei kritischen Befunden mit dem Patient umgegangen wird. Dabei kam Erschreckendes, aber auch Gutes, zutage.

Das Thema Krebs ist heikel – viele Ärzte wissen nicht, wie sie es dem Patienten beibringen sollen – da ist es umso wichtiger, genau zu überlegen, welche Methode man anwendet, den Patienten zu benachrichtigen und auf welche Art und Weise dies getan wird.

Es gibt doch tatsächlich eine Ärztin, die einer Patientin eine Karte aus Berlin (obwohl die Patientin aus Halle kommt) geschickt hat, auf der nur stand, dass sie sich in der Praxis zu melden habe – es fehlte der Absender und die Unterschrift der Ärztin. Erst nach mehrfachem Rätselraten kam die Patientin darauf, dass es die Gynäkologin gewesen sein könnte. Ihr wurde dann am Telefon beigebracht, dass sie wahrscheinlich Krebs habe und sofort kommen müsse – sie ging nie wieder hin, sondern suchte sich eine neue Ärztin. Bei einer zweiten Patientin war es sogar noch makabrer – sie erhielt die Diagnose mittels einer Ansichtskarte mit einer Kirche darauf. Dies sind Tatsachen! Sind diese Ärzte so abgestumpft, dass sie nicht über ihre Handlungsweise nachdenken und nicht mehr merken, was sie in der Patientin auslösen? Vielleicht war es auch ihre Sprechstundenhilfe und die Ärzte wissen gar nicht, welche Aussendung vorgenommen wird. Reicht nicht eine einfache Postkarte mit dem Hinweis, dass man sich zu einer neuen Terminvereinbarung dringend melden solle – ganz ohne Bildchen? Geht die Sparaktion jetzt schon dahin, vielleicht demnächst Comic-Karten, die überall auf öffentlichen Toiletten, in Gaststätten etc. zur freien Verfügung ausliegen, zu versenden, wenn einer Patientin evtl. eine für ihr Leben sehr schwerwiegende Diagnose übermittelt werden muss?

Nicht jeder Tag ist wie der andere – auch Ärzte sind „nur“ Menschen und haben evtl. kleine Lebenskrisen. Wenn sie diese jedoch an ihren Patienten auslassen, ist dies schlimmer, als wenn eine Sekretärin ihrem Computer aus angestautem Frust den Hahn abdreht. Dies tut ihm nicht weh, es ist eine Maschine. Nun zum Fall: Ein Gynäkologe führte ein Streitgespräch mit einer Patientin über ihre weitere Behandlung hinsichtlich Verhütung, war schon etwas gereizt, weil sie nicht seiner Meinung war. Die Patientin lag auf dem Gynäkologenstuhl, ihm völlig ausgeliefert. Dies ist die Situation, die viele Frauen kennen und nicht sehr schätzen. Unwirsch wird ihr dann an den Kopf geworfen, als sie eigentlich fertig ist und sich anziehen soll: „Was ist hier eigentlich mit ihrem Vorfall.“ Sie konnte hier nur erahnen, dass es sich um einen drohenden Gebärmuttervorfall handeln könne, er schmückte diese Bemerkung nicht weiter aus und riet ihr nur, nach 6 Monaten zur Kontrolle zu kommen. Es folgte keine Aufklärung über evtl. Behandlungsmöglichkeiten, über die Diagnose selbst etc.. Die Patientin war völlig außer sich, hatte Angst, war sprachlos. Wir unterhielten uns lange über diese Situation; sie kannte ihren Arzt so gar nicht, hatte aber in diesem kurzen Moment jegliches Vertrauen zu ihm verloren. Wir beschlossen gemeinsam, dass sie diese Sache nicht einfach so hinnehmen solle, und sie besorgte sich einen Termin bei einem anderen Arzt, um sich genauer zu informieren und die Ängste abzubauen.

Dritter Fall: Ein Onkologe trifft einen Krebspatienten nach langer Zeit wieder und sagt: „Ach, Sie leben ja auch noch“.

Vielleicht meint die Ärztin/ der Arzt dies nicht so und ihr/ ihm ist es nicht bewusst, aber deshalb gibt es ja uns, die dies aufdecken und Denkanstöße geben.

Wir wollen helfen, nicht nur kritisieren, ein besseres Zusammenspiel zwischen Arzt und Patient zu entwickeln. Es gibt auch Ärzte, die sehr einfühlsam sind, sich noch Zeit nehmen für den Patient, jeden Einzelnen auch als Einzelfall sehen – ich danke meinem behandelnden Arzt, Herrn Dr. Strauß, von der Gynäkologie der MLU Halle.

Ich bin auf Ihre Fälle gespannt!

 

info@krebs-bei-frauen-genitaltumoren.de



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