Krebs und Sexualität

Krebs und Sexualität - allgemein

Die Diagnose einer Krebserkrankung bringt eine Vielzahl an Belastungen, Unsicherheit und Ängsten mit sich. Gerade aber bei Genitaltumoren besteht die Frage um so mehr, ob eine Partnerschaft dieser Belastung stand hält, denn auch nach der Heilung der Krankheit kann es durch die Operationen/ Bestrahlungen/ Narbenbildungen etc. zu schweren seelischen Belastungen kommen und auch zum Verlust der körperlichen Möglichkeit, Sexualität auszuüben. Dies schließt natürlich nicht die körperliche Nähe, Zärtlichkeitenaustausch etc. ein. Aber nach z.B. einer Amputation der äußeren Geschlechtsorgane nach Tumor ist es oftmals unmöglich, auf normalem Weg Geschlechtsverkehr auszuüben. Auch tragen oft noch zusätzliche Organentfernungen oder Anlage eines Anus praeter (künstlicher Darmausgang) nach Darmoperation wegen Mitbefall des Darms oder Lymph- (nach Entfernung der Lympknoten) und Harnableitungen nach solchen Operationen sicher nicht gerade dazu bei, dass man sich nach körperlicher Nähe sehnt.

Nach solchen Krebserkrankungen haben die Frauen oft ein Trauma, sich selbst in ihrem Körper wieder zu erkennen, sich nach wie vor als Frau zu fühlen. Auch von Frauen, die eine Brustamputation hatten, wird dies oft berichtet.

Umso mehr ist hier die eigene Erfahrungswelt gefragt, die Nähe zum Partner, zur Familie. Aber viele Partnerschaften überleben dies nicht, wenn die Partnerschaft schon vorher auf wankenden Füßen stand. Dies muss aber auch nicht immer vom Mann ausgehen, sondern kann auch von der erkrankten und jetzt wieder gesundeten Frau ausgehen, die signalisiert, dass sie nicht berührt werden will, sich schämt und deswegen jegliche Nähe als Bedrohung empfindet.

Oft treten bei den Frauen auch nach kleinen Operationen im Genitalbereich, wie z.B. nach einer Gebärmutterhalsoperation mit Gebärmutterentfernung Appetitlosigkeit, Orgasmusprobleme, Schmerzen bei sexueller Aktivität und auch Unfruchtbarkeit auf – es dauert, bis die Wunden verheilt sind und nach und nach die Normalität fast wieder einkehren kann. Dies erfordert große Umsicht und Geduld. Auch die Partner haben oftmals Angst - Angst, ihrer geliebten Frau weh zu tun, sie erneut zu verletzen. Es kommt auf die Frau an, auch ihren Partner einfühlsam von der Angst wegzuführen und sich gemeinsam neu zu erleben – mit den Narben, mit den Schmerzen. Aber auch die Partnersuche wird für Frauen nach solchen Tumoren oftmals eine Tortur, weil sie erst über ihren eigenen Schatten springen müssen, sich so zu akzeptieren, wie sie jetzt sind und sich vor dem neuen Partner zu offenbaren.

Die behandelnden Ärzte fühlen sich oft überfordert, können keinen wirklichen Rat geben. Sie verschreiben oder empfehlen sicher auch „Mittelchen“ wie Gleitgele oder anderes, die helfen könnten, diese schwierige Phase zu verbessern – aber therapieren können sie nicht wirklich. Hinzu kommen noch die Schamgefühle der Patientin – will sie mit ihrem Arzt überhaupt und wirklich darüber reden? Die Sprüche mancher Ärzte wie: Sex wollen die betroffen Frauen sowieso nicht mehr" oder "Ich schicke die Patientinnen direkt nach der Behandlung zu Beate Uhse" zeigen, dass nicht jeder Arzt einfühlsam ist und wirklich versteht, wovon diese Patientinnen reden und was sie brauchen.

Sexualität muss nicht gleichbedeutend mit „Sex haben“ sein – es kann eine Chance sein, sich neu kennen zu lernen und auf anderen Ebenen zu Körperlichkeit zu finden. Auch Kuscheln kann vorrangig werden, dem Partner Nähe und Geborgenheit vermitteln und so trotz der Probleme zur Gesundung beitragen – denn Nähe ist wichtig und umso wichtiger, wenn ein Partner krank ist.

Rekonstruktion/ Plastische Operation nach Genitaltumoren

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich bei Experten z.B. nach kompletter Amputation der äußeren Geschlechtsorgane nachoperieren zu lassen, eine sog. „kosmetische (plastische) Operation“ vornehmen zu lassen. Dies erfordert aber auch den Mut, sich wieder unter ein Messer zu legen und auch die Suche nach den besten Möglichkeiten und den entsprechenden Experten für jeden Einzelfall ist sicherlich nicht einfach. Hier gilt es, an sog. „Genitaltumorzentren“ zu verweisen, da diese die meisten Tumore sehen, die auch seltener Natur sind und dem entsprechend über eine größere Expertise verfügen (s.u.).

Weitere Möglichkeiten

Plastische Korrekturen bringen oft funktionelle Verbesserungen, Dilatoren (siehe Link Omi Ami Care – Erläuterung zu Dilatoren; die regelmäßige Verwendung nach Strahlentherapie verhindert Vaginalverklebungen und Stenose) und Gleitmittel verringern die Schmerzen beim Verkehr.

Wir in der Selbsthilfegruppe haben das Thema zum Anlass genommen und uns auch darüber ausgetauscht – dies ist sicherlich ein Weg, sich unter Gleichgesinnten Rat zu holen. Es wird im Dezember 2008 dazu eine Vortragsveranstaltung stattfinden. Vortragsankündigung:

Genitaltumorzentrum Halle

Am Universitätsklinikum Halle wird demnächst ein „Genitaltumorzentrum“ errichtet (Stand 2008), dessen vertragliche Grundlagen gerade geschaffen werden. Herr Professor Thomssen versichert, dass an seiner Einrichtung bei Patientinnen insbesondere mit Genitaltumoren auch plastische Operationen qualitativ gut durchgeführt werden können; die Frauen werden vorher ausführlich beraten. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: http://www.medizin.uni-halle.de/frauenklinik/


Links:

Interview mit einem Psychoonkologen 

Schwabing-Empfehlungen

Fraunholz-Artikel

Best Practice Guide

OM Ami Care

http://www.owenmumford.com/

Literatur:

Broschüren zum Thema: http://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/broschueren/sexualitaet.php

Krebs und Sexualität. Ein Ratgeber für Krebspatienten und ihre Partner (Broschiert)
von Stefan Zettl (Autor), Joachim Hartlapp (Autor)


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